Wenn Wissen von so zentraler Bedeutung ist, dass zunehmend Versuche existieren, seinen Wert in Reporten fassbar zu machen; wenn man gar den Wert des Wissens in Zahlen festschreiben könnte, dann ließen sich beispielsweise auch Schulen und Hochschulen nach ihrem Wissens-Output messen. Wessen Wissensprofil gerade am besten zu den lukrativsten Stellenangeboten passte, hätte als Bewerber die meisten Chancen. Sehr nahe liegt da die – seit Jahren auch schon geforderte – Orientierung von Schule und Ausbildung an den Bedürfnissen des Marktes. Mit einer Wissensbilanz könnten diese für das erforderliche Wissen erstmals sichtbar gemacht werden. Eine faszinierende Vorstellung.
Wahr geworden ist sie mit der Wissensbilanz 2.0. Diese marktorientierte Wissensbilanzierung nach dem Vorher-Nachher-Prinzip bewertet die immateriellen Werte eines Unternehmens – und dazu zählt das Wissen der Mitarbeiter respektive der Absolventen einer Hochschule – und drückt sie in Geldwerten aus. Damit halten Wirtschaft und Politik erstmals ein Messinstrument in den Händen, mit dem die Ausbildung künftiger Arbeitnehmer genau an den Bedürfnissen des Marktes ausgerichtet werden könnte.
Doch bei aller Euphorie sollte man eins nicht vergessen: Die Bildung und Ausbildung eines Menschen zum kompetenten Mitarbeiter dauert viele Jahre. Für welchen Markt soll dann ausgebildet werden? Für den heutigen? Oder für den im nächsten Jahrzehnt? Welche Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten soll der Mitarbeiter von morgen mitbringen? Müssen wirklich alle auf unbestimmte Zeit gute Teamarbeiter sein oder werden auch spezialisierte Einzelkämpfer irgendwann wieder einen Wert haben? Wer wird all das nach welchen Richtlinien festlegen? Was ist mit dem, was wir bisher unter Allgemeinbildung verstanden haben? Ist das noch wichtig? Was ist mit Kunst und Musik? Ist es noch etwas wert, Klavier spielen zu können? Auch dann, wenn man keine Bühnenkarriere anstrebt?
Wir wissen längst, dass der Output an Informationen, das Wissen über die Welt, mittlerweile so umfangreich ist, dass kein Mensch mehr „alles wissen“ kann. Keine Schule und keine Universität wird also in der Lage sein, ihren Schülern und Studenten alles mitzugeben, was diese für ihr (Berufs-)leben brauchen. Dieser Umstand schlägt sich nieder in der immer wieder geäußerten Forderung nach „lebenslangem Lernen“.
Um aber ein Leben lang erfolgreich Neues lernen zu können, muss zunächst einmal Freude am Lernen vorhanden sein. Gekoppelt mit der Fähigkeit, sich gezielt und erfolgreich neues Wissen anzueignen, also das Lernen gelernt zu haben. Die erfolgreichste Schule wird also vielleicht gar nicht die sein, die das meiste Wissen in die Köpfe gestopft hat, sondern diejenige, die die kompetentesten Absolventen entlässt. Ebenso werden die teamfähigsten und flexibelsten Mitarbeiter möglicherweise gerade nicht die sein, denen schon in der Schule ein Höchstmaß an Anpassung abverlangt wurde, weil Anpassung auch Eigeninitiative bremst. Statt dessen brillieren unter Umständen jene, die ihre Persönlichkeit entwickeln durften, die Sicherheit und Unterstützung ihrer Kreativität als solide Grundlage für eine realistische Selbsteinschätzung erfahren haben.
Marktorientierung ist sicher eine gute Sache. Aber sie darf nicht kurzsichtig sein. Eine Wissensbilanz 2.0 ist ein Hilfsmittel zur Abbildung eines Ist-Zustands und eine Grundlage für die Demographie-Prognose. Sie kann weder hellsehen, noch eine neue Kultur schaffen. Die Prognosen zu erstellen und die Diskussion über Kultur und einen gesellschaftlichen Konsens zu führen – das bleibt weiterhin dem Menschen überlassen.